12.06.2026 | Aus dem ganzen Bundesgebiet kamen die Stahlbeschäftigten am 12. Juni 2026 zu einer Protestkundgebung nach Berlin: Laut, entschlossen und solidarisch machten sie Druck für eine Zukunft mit Stahl aus Deutschland! Auch aus Eisenhüttenstadt war eine große Delegation mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Arcelor-Mittal-Stahlwerk Eisenhüttenstadt, der VEO und dem FQZ in die Hauptstadt gereist.
Es war ein beeindruckendes Zeichen der Stahlarbeiter im Regierungsviertel in Berlin. Vom Brandenburger Tor zogen 1700 Beschäftigte aus mehr als 40 Stahlbetrieben zum Bundeswirtschaftsministerium, das unter Leitung von Katherina Reiche viel zu wenig für günstige Energiepreise tut. Unter dem Motto „Stahl hat Zukunft – bei uns!“ folgten sie dem Aufruf der IG Metall und demonstrierten in Berlin für eine starke und zukunftsfähige Stahlindustrie. Immer wieder skandierten sie: „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“.
Ihre Botschaft trugen sie unüberhörbar vor: Die Politik muss die beim Stahlgipfel im November 2025 zugesagten Maßnahmen konsequent umsetzen und darf nicht auf halbem Weg stehen bleiben. Fortschritte sind zwar erkennbar, jedoch reicht das Tempo nicht aus. Und auch die Arbeitgeber müssen sich ihrer Verantwortung stellen.
Die Stahlindustrie in Deutschland ist ein zentraler Pfeiler des gesamten Wirtschaftsstandortes. Angesichts der tiefgreifenden Krise ist die Verunsicherung in den Belegschaften jedoch groß. Die Stahl-Beschäftigten in Berlin, Brandenburg und Sachsen erwarten jetzt rasch Lösungen, die sie vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze schützen. Die Einigung in der EU auf strikte Importquoten in Kombination mit wirksamen Zöllen ist ein wichtiger Schritt, reicht aber nicht. Die deutschen Stahlwerke brauchen wettbewerbsfähige Energiekosten, klare Local-Content-Vorgaben und eine Stärkung der Nachfrage durch Wachstumsimpulse und Investitionsanreize.
Dirk Vogeler, Betriebsratsvorsitzender im Arcelor-Mittal-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, forderte die Politik zum schnellen Handeln auf: "Wir sind heute nicht hier, weil wir Zeit übrig haben. Wir sind hier, weil es um unsere Arbeitsplätze geht. Um unsere Standorte. Um unsere Familien. Um die Zukunft unserer Industrieregionen. Und wir sind hier, weil wir es satt haben, immer wieder auf Entscheidungen zu warten."
Marcel Riemer, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Arcelor-Mittal-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, unterstrich: „Die große Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die von allen Standorten der Branche aus ganz Deutschland angereist ist, war ein starkes Zeichen dafür, wie notwendig die Umsetzung der aufgestellten Forderungen ist.“ Die Redebeiträge der Betriebsratsvorsitzenden sowie der VK-Leiter hätten die dramatische Lage auf den Punkt wiedergegeben, so Riemer: „Ich hoffe, dass diese sehr gut organisierte Demonstration von der Politik als wichtiges Signal richtig verstanden wird."
Zu langsam, zu zögerlich, zu wenig entschlossen
Auch Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, kritisierte das viel zu geringe Tempo bei Entscheidungen: „Die Zeit des Zögerns muss jetzt vorbei sein. Die Probleme sind bekannt, die Lösungen liegen auf dem Tisch. Doch was wir erleben, ist zu oft zu langsam, zu zögerlich, zu wenig entschlossen. Das können wir uns nicht leisten.“ Europa habe sich entschieden, ab 2050 klimaneutral zu produzieren, erinnerte Kerner. Deshalb sei für die IG Metall klar: „Die Stahlindustrie muss bleiben. Wir wollen grünen Stahl produzieren, unsere Stahlwerke werden, soweit es geht, klimaneutral. Doch die Politik muss konsequent die Möglichkeit dafür schaffen!“
Aufruf zu mehr Einigkeit in der Stahlbranche
In seiner Rede rief Kerner zur Einigkeit auf: „Wenn jeder für sich kämpft, werden wir alle verlieren! Ich akzeptiere nicht, dass einzelne versuchen, die Stahlbelegschaften gegeneinander auszuspielen.“ Über den Umgang mit dem Emissionshandelssystem ETS ist innerhalb der Branche Streit entbrannt: Jene Hersteller, die bei der Umrüstung ihrer Werke schon weit fortgeschritten sind und bald klimafreundlicher produzieren können, erhoffen sich dadurch einen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten und wollen nicht an der Regelung rütteln. Die Nachzügler dagegen fürchten Mehrkosten, weil sie das Geld brauchen, um aufzuholen.
Balance beim Emissionshandel gefordert
Kerner rief die Politik in diesem Zusammenhang auf zu einem Vorgehen mit Augenmaß: „Wir brauchen eine Verlässlichkeit für die Standorte, die in den grünen Stahl investiert haben. ETS grundsätzlich in Frage zu stellen, ist falsch. Das treibt zehntausende Arbeitsplätze ins Risiko. Gleichzeitig brauchen wir aber eine Brücke zum grünen Stahl dort, wo die Investitionen nicht möglich sind, weil das Geld fehlt. Nachjustieren ist nötig, sodass kein Unternehmen abgehängt wird. Wir gehen in die Zukunft – aber mit allen!“
Fortschritte erkennbar – aber Tempo reicht nicht aus
Bei einem Stahlgipfel im Kanzleramt hatten sich Politik, Industrie und Gewerkschaft 2025 gemeinsam dazu bekannt, die Stahlproduktion in Deutschland zu erhalten. Geeinigt hatte man sich auch über die Maßnahmen, die dafür notwendig sind: wettbewerbsfähige Energiepreise, Handelsschutz und Local-Content-Vorgaben. Die IG Metall erkennt an, dass es in allen Feldern Fortschritte gibt. Doch insgesamt geht es nach Überzeugung der Beschäftigten zu langsam voran, agiert die Politik zu zögerlich. Jürgen Kerner: „Das Glas ist halb voll, doch die Hälfte fehlt noch. Wir sind hier, um die Politik zu motivieren, die fehlenden Schritte zu gehen für den Stahlstandort Deutschland.“
Parallel zur Kundgebung in Berlin demonstrierten auch im saarländischen Völklingen mehrere tausend Stahl-Beschäftigte.