IG Metall Ostbrandenburg
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03.12.2021, 21:12 Uhr

IG Metall-Aktionstag in Berlin am 29. Oktober 2021

Stahlbeschäftigte aus Eisenhüttenstadt zeigen bei der Fairwandel-Demo im Berliner Regierungsviertel eindrucksvoll Präsenz

  • 30.10.2021
  • Aktuelles, Politik und Gesellschaft, Betriebe/ Tarif, Stahlindustrie, Jugend, Vertrauensleute, Frauen

Beim IG Metall-Aktionstag am 29. Oktober im Berliner Regierungsviertel sendeten weit mehr als tausend Metaller und Metallerinnen aus Berlin, Brandenburg und Sachsen eine klare Botschaft in Richtung der künftigen Bundesregierung: „Wir wollen den notwendigen Wandel zu einer klimafreundlichen Industrie mitgestalten. Sozial. Ökologisch. Demokratisch.“ Mit der deutlich größten Delegation waren die Kolleginnen und Kollegen vom Stahlwerk in Eisenhüttenstadt bei der Veranstaltung in der Hauptstadt präsent.

Mit mehr als 600 Teilnehmenden zeigten die Stahlwerkerinnen und Stahlwerker aus Eisenhüttenstadt bei der Fairwandel-Demo in Berlin eine große Präsenz. - Fotos. Volker Wartmann

Carolin Meyfarth (am Mikrofon), Auszubildende im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, forderte von der Politik ein entschlossenes Handeln für die junge Generation.

Vadim Stroka (links), Vertrauenskörperleiter im Stahlwerk Eisenhüttenstadt, forderte einen Transformationsfond für die Stahlindustrie.

Mit ihrem "Stahlboot" sorgten die Kolleginnen und Kollegen aus dem Stahlwerk Eisenhüttenstadt für ordentlich Stimmung in der Hauptstadt.

Sozialdemokrat und Bundestagsmitglied Mathias Papendieck (links) unterstützt die Forderungen der IG Metall. Rechts: Holger Wachsmann, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostbrandenburg

Aus Penzlau waren zahlreiche Kolleginnen und Kollegen von Boryszew angereist.

Die Kolleginnen und Kollegen aus Eisenhüttenstadt und ihre Forderungen waren unübersehbar.

Der IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann (rechts) applaudiert Carolin Meyfarth (links), Auszubildende im Stahlwerk Eisenhüttenstadt.

Die Kolleginnen und Kollegen aus Eisenhüttenstadt kurz vor der Abfahrt mit ihrem "Stahlboot".

Vorbildlich mit Mund-Nasen-Schutz: IG Metall-Vertrauenskörperleiter Vadim Stroka (rechts) und seine Kollegen aus Eisenhüttenstadt.

Abfahrt des "Stahlbootes" Richtung Regierungsviertel.

Carolin Meyfarth: "Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung endlich konkret handelt."

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Mehr als 600 Ostbrandenburger Metallerinnen und Metaller waren in den frühen Morgenstunden mit Bussen nach Berlin gekommen, um ab 8.00 Uhr zwischen Reichstagsgebäude und Paul-Löbe-Haus direkt neben der Spree für einen fairen Wandel zu demonstrieren und ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Es war beeindruckend, wie unsere Kolleginnen und Kollegen von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt, Imperial Conpro, Veo, Hawle Guss, FQZ und Boryszew aus Prenzlau geschlossen für die Belange unserer ganzen Region eingetreten sind", sagte Holger Wachsmann, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostbrandenburg. Neben Bundespolitikern wie beispielsweise dem kommissarischen Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD und dem Bündnis 90/Die Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner sprachen auch mehrere Kolleginnen und Kollegen aus Betrieben zu den Versammelten und richteten ihre Forderungen direkt an die anwesenden Vertreter der künftigen Koalitionsregierung.

Vadim Stroka, Vertrauenskörperleiter im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, schilderte die aktuelle Situation im ArcelorMittal-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt. „Trotz vieler offenen Fragen wollen wir uns der Herausforderung stellen und mit Blick auf die Zukunft grünen Stahl erzeugen. Allerdings ist eins klar: Diese Transformation darf nicht zu Lasten unserer Belegschaft und unserer Auszubildenden gehen“, sagte Stroka. „Ein Umbau zu einem CO2-freien Werk ist nicht so einfach getan. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe und deshalb brauchen wir für diesen Transformationsprozess unbedingt die Unterstützung der Politik.“ Darum fordern die Kolleginnen und Kollegen jetzt von der Politik verbindliche Zusagen für den Erhalt der Stahlindustrie in Deutschland, so Stroka: „Wir fordern einen Transformationsfond für die Stahlindustrie, ähnlich wie bei der Kohle. Nur diesmal zum Erhalt der Arbeitsplätze und nicht zum Abbau!“

Auch für den Bau der notwendigen Infrastruktur mit Wasserstoffleitungen bis nach Eisenhüttenstadt müsse es jetzt schnell verbindliche Förderungszusagen geben, betonte Stroka. „Die Transformation muss zukunftssicher ablaufen, um die Umwelt ökologischer gestalten zu können. Wir verlangen ein Versprechen, dass jeder die Möglichkeit hat, bis zur Rente unsere Arbeit in der Stahlindustrie auszuüben. Es wird der Umwelt nichts bringen, wenn wir durch hohe Klimaauflagen die Wirtschaftlichkeit unserer Stahlindustrien zerstören und die Produktion auf andere Kontinente verlagern.“ Zu den anwesenden Politikern sagte Stroka: „Den Worten müssen jetzt Taten folgen. Denn wenn aus Versprechungen Lügen werden, wird aus Vertrauen Wut!“

Carolin Meyfarth macht im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt eine Ausbildung zur Industriemechanikerin. Sie forderte von der Politik und den Arbeitgebern eindringlich ein entschlossenes Handeln für die junge Generation, „und zwar jetzt“. „Wir stecken im größten Umbruch seit 1990. Eine ganze Branche geht hin zum grünen Stahl. Ich möchte mit der IG Metall ein Teil dieses Prozesses sein und ich möchte, dass die Beschäftigten dabei im Mittelpunkt stehen. Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung endlich konkret handelt.“, sagte Meyfarth. „Ausbildung ist Zukunft. Wir sind Zukunft. Zukunft ist jetzt. Und diese Zukunft fordern wir uns ein. Nicht irgendwann. Sondern hier, heute und jetzt. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen, sondern machen uns zusammen stark – im Betrieb und hier draußen auf der Straße. Und wenn es sein muss, dann gibt’s hier und überall da, wo Metallerinnen und Metaller sind, ab jetzt regelmäßig Krach.“

Nicht nur zu Lande, auch auf dem Wasser – sprich der Spree direkt neben dem Reichstagsgebäude – zeigte die IG Metall Ostbrandenburg eindrucksvoll Präsenz. Auf einem zu einem stilisierten Stahlwerk mit dampfenden Hochöfen umgebauten Ausflugsdampfer sorgten zwei Dutzend Kolleginnen in Schmelzermänteln mit viel Nebelmaschinendampf und ordentlicher Lautstärke für kämpferische Stimmung. Als das „IG-Metall-Stahlboot“ direkt neben der Fairwandel-Veranstaltung vorbeituckerte, waren der Jubel und die Begeisterung bei allen Teilnehmenden groß und auf der Bühne wurde es für einige Augenblicke ruhig.

Auch Prenzlau war ein Bus zur Kundgebung angereist, mit vielen verärgerten Metallerinnen und Metaller von der Firma Boryszew in Prenzlau. Bei Boryszew fertigen die Beschäftigten beschichtete Teile für die großen deutschen Automobilhersteller. Die meisten Kolleginnen und Kollegen bei Boryszew verdienen nur den Mindestlohn. Sie befinden sich schon seit geraumer Zeit in einem Tarifkonflikt mit ihrem Arbeitgeber und sorgen sich um die Zukunft der strukturschwachen Regionen, wie beispielsweise der Uckermark. Auf ihrem Banner stand groß zu lesen: „Sichere Beschäftigung und faire Löhne! Gemeinsam für gute Arbeit in einer starken Region!“ Denn diese Angst ist bei den Menschen in vielen ländlichen Regionen präsent: Werden strukturschwache Regionen bei den Vorhaben zur Transformation von der Politik genug beachtet und berücksichtigt? Mehr als 600 haben Ostbrandenburger Kolleginnen und Kollegen haben ein starkes Zeichen dafür gesetzt, dass auch das passiert.

Sozialdemokrat Mathias Papendieck, seit dieser Legislaturperiode Mitglied des Bundestages für den Wahlkreises Frankfurt/Oder-Oder/Spree, sagte am Rande der Veranstaltung: „Mir ist es wichtig, dass die neue Bundesregierung ihre Verspechen einhält und die angekündigten Investitionen in die Produktionsstätten und die notwendige, neue Infrastruktur umsetzt. Für Eisenhüttenstadt ist es unverzichtbar, dass das Stahlwerk ans nationale Wasserstoffnetz angeschlossen wird und der Standort damit langfristig gesichert wird“, so Papendieck. „Wir müssen sicherstellen, dass grüner Stahl in Europa ein Alleinstellungsmerkmal erhält. Das heißt konkret, dass es zukünftig in Europa keine Importe von nicht-klimaneutral produziertem Stahl mehr geben darf. Die Politik muss dafür die Rahmenbedingungen entsprechend ändern und so einen Beitrag zur Transformation leisten.“