IG Metall Ostbrandenburg
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23.01.2022, 10:01 Uhr

Delegiertenversammlung in Erkner

Delegierte berichten von schwierigen Herausforderungen für zahlreiche Unternehmen in der Region

  • 09.12.2021
  • Aktuelles, Politik und Gesellschaft, Geschäftsstelle

Zu ihrer vierten Delegiertenversammlung in diesem Jahr trafen sich die Delegierten der IG Metall-Geschäftsstelle Ostbrandenburg am 4. Dezember erneut in Präsenz. Bei der Veranstaltung unter 2G-Bedingungen im Bildungszentrum Erkner standen die Aktivitäten der Geschäftsstelle im vergangenen Quartal und die aktuelle Lage in wichtigen Betrieben in der Region im Vordergrund. Gast Birgit Dietze, IG Metall-Bezirksleiterin Berlin-Brandenburg-Sachsen, bedankte sich bei den Delegierten für das „starke Signal aus Ostbrandenburg“ beim Fairwandel-Aktionstag in Berlin, lobte die sehr gute Mitgliederarbeit der Geschäftsstelle und gab einen Überblick über die anstehenden Herausforderungen durch die Transformation für die IG Metall im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen.

Auch zu ihrer vierten Delegiertenversammlung in diesem Jahr trafen sich die Delegierten der IG Metall-Geschäftsstelle Ostbrandenburg am 4. Dezember erneut in Präsenz. - Fotos: Volker Wartmann

Die Veranstaltung fand unter 2G-Bedingungen statt.

Dirk Vogeler, Betriebsratsvorsitzender im ArcelorMittal-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, berichtete, dass viele Beschäftigte wegen Covid-19-Erkrankungen in Quarantäne sind.

Andreas Kokolsky, Betriebsratsvorsitzender bei Sonae Arauco in Beeskow, sagte, dass die Beschäftigten in der nächsten Tarifrunde eine deutliche Entgelterhöhung erwarten.

Eileen Littmann, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Boryszew in Prenzlau, berichtete von einem hohen Krankenstand und 50 Prozent Kurzarbeit bei Boryszew.

Kornelia Hillburger, Betriebsrätin bei FSME in Eisenhüttenstadt, schilderte die zunehmende Perspektivlosigkeit der Kolleginnen und Kollegen.

Ulf Kühnel, Betriebsratsvorsitzender bei Hawle Guss in Fürstenwalde, erläuterte, dass die Umsetzung der 3G-Regelung das Unternehmen organisatorisch vor große Probleme stellt.

Auch Heiko Nühse, Betriebsratsvorsitzender bei VEO in Eisenhüttenstadt, berichtete von Kolleginnen und Kollegen, die einer Impfung gegen Corona kritisch gegenüberstehen.

ICP steige Anfang 2022 in Fünf-Schicht-System ein, berichtete Anja Hannemann, Betriebsratsvorsitzende bei Imperial Conpro in Eisenhüttenstadt.

Birgit Dietze, IG Metall-Bezirksleiterin Berlin-Brandenburg-Sachsen, erläuterte die anstehenden Herausforderungen durch die Transformation für die IG Metall im Bezirk.

Zum Ende der Veranstaltung wünschte der Erste Bevollmächtigte Holger Wachsmann allen Kolleginnen und Kollegen eine schöne Weihnachtszeit und ein gutes Jahr 2022.

Nach der Vorstellung der neusten Zahlen zur Mitglieder- und Beitragsentwicklung in den vergangenen zwölf Monaten schilderte der Erste Bevollmächtigte Holger Wachsmann die Aktivitäten der Geschäftsstelle im letzten Quartal 2021. So hat die Geschäftsstelle Ostbrandenburg viel unternommen, um in den vergangenen Monaten möglichst viele Seminare durchzuführen. Der Fokus wurde dabei klar auf die Stärkung der betrieblichen Durchsetzungsfähigkeit gelegt. Die Bildungsarbeit auf diesem hohen Niveau zu halten, werde auch im kommenden Jahr einen der inhaltlichen Schwerpunkte bilden, kündigte Wachsmann an. Die IG Metall plant, 2022 zahlreiche Weiterbildungsseminare für die betrieblichen Kolleginnen und Kollegen anzubieten. „Es ist sinnvoll, Geld für Seminare und Weiterbildung auszugeben“, betonte Holger Wachsmann.

Mehrere Delegierte schilderten die aktuelle, oft schwierige Situation in ihren Unternehmen: Dirk Vogeler, Betriebsratsvorsitzender im ArcelorMittal-Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, Andreas Kokolsky, Betriebsratsvorsitzender bei Sonae Arauco in Beeskow, Eileen Littmann, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Boryszew in Prenzlau, Kornelia Hillburger, Betriebsrätin bei FSME in Eisenhüttenstadt, Ulf Kühnel, Betriebsratsvorsitzender bei Hawle Guss in Fürstenwalde, Heiko Nühse, Betriebsratsvorsitzender bei VEO in Eisenhüttenstadt und Anja Hannemann, Betriebsratsvorsitzende bei Imperial Conpro in Eisenhüttenstadt.

Das Thema Corona und die seit dem 24. November 2021 geltenden 3G-Vorschriften am Arbeitsplatz spielen in nahezu allen Unternehmen eine dominante Rolle. Die Kolleginnen und Kollegen berichteten von zahlreichen, organisatorischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der 3G-Vorschriften in ihren Betrieben. Eine problematische Folge der Neuregelung sei auch, dass es in einigen Unternehmen mittlerweile zu einer zunehmenden Gefahr der Spaltung zwischen geimpften und ungeimpften Kolleginnen und Kollegen komme, hieß es in mehreren Berichten. In einigen Betrieben gefährdet der hohe Krankenstand infolge von Corona-Erkrankungen sogar die Aufrechterhaltung der Produktion in wichtigen Bereichen, beispielsweise im Stahlwerk in Eisenhüttenstadt, wie der Betriebsratsvorsitzende Dirk Vogeler berichtete.

Auch wirtschaftliche Schwierigkeiten und innerbetriebliche Auseinandersetzungen stellen die Betriebsrätinnen und Betriebsräte in den Unternehmen teilweise vor große Herausforderungen. Infolge drastischer Auftragsrückgänge aus der Autoindustrie beträgt die Kurzarbeit bei Boryszew derzeit etwa 50 Prozent, auch im Stahlwerk Eisenhüttenstadt musste die Produktion in diesem Bereich wegen fehlender Nachfrage erheblich zurückgefahren werden.

Bei FSME in Eisenhüttenstadt ist die Lage weiterhin sehr verfahren: So behält der Arbeitgeber hier auch in diesem Jahr wieder das Weihnachtsgeld ein, sodass die IG Metall diese Sonderzahlung wieder für alle Mitglieder gerichtlich einklagen wird. Viele sähen in dem Betrieb keine Perspektive mehr, zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen kündigten deshalb, berichtete Betriebsrätin Kornelia Hillburger.

Die Beschäftigten bei Sonae Arauco in Beeskow kämpfen ab Beginn des kommenden Jahres für höhere Entgelte und die Einführung eines tabellenwirksamen Anpassungsgeldes zur Angleichung der Einkommen an die vergleichbare Tariflandschaft der holzverarbeitenden Industrie: In Berlin-Brandenburg verdienen die Beschäftigten rund zwölf Prozent weniger als beispielsweise ihre Kolleginnen und Kollegen in Sachsen-Anhalt. Wenn in den Tarifverhandlungen in den kommenden Wochen keine Erfolge erzielt werden könnten, könne es bereits im Januar 2022 zu ersten Warnstreiks kommen, berichtete der Betriebsratsvorsitzende Andreas Kokolsky aus der letzten Sitzung der Tarifkommission.

Bei Hawle Guss haben IG Metall und Betriebsrat einen betriebspolitischen Erfolg erzielt. Der Betriebsrat konnte verhindern, dass der Arbeitgeber neue Arbeitsverträge einführt, die für viele Beschäftigte möglicherweise Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen nach sich gezogen hätten.

Bei Perrin hat die IG Metall nach einer intensiven Diskussion auf der letzten Mitgliederversammlung den laufenden Tarifvertrag zum 31. Dezember 2021 gekündigt. Bei Perrin steht womöglich ein heißer Frühling 2022 bevor: Die Beschäftigten bei Perrin bekommen schon im Grundlohn monatlich rund 500 Euro weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen mit Flächentarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie.

Gast Birgit Dietze, IG Metall-Bezirksleiterin Berlin-Brandenburg-Sachsen, dankte den Kolleginnen und Kollegen zu Beginn ihrer Rede für ihre eindrucksvolle Präsenz und den Einsatz beim IG Metall-Fairwandel-Aktionstag am 29. Oktober 2021 neben dem Reichstag im Berliner Regierungsviertel. „Das war ein sehr starkes Signal aus Ostbrandenburg. Dafür habt ihr einen großen Applaus verdient“, sagte Dietze. Mehr als 600 Kolleginnen und Kollegen waren allein aus Eisenhüttenstadt angereist, ein weiterer Bus aus Prenzlau.

Anschließend ging Dietze auf die Transformationsherausforderungen für die IG Metall ein. „Wir als IG Metall sind jetzt gefragt für Ideen für die Zukunft. Wir müssen jetzt aktiv werden“, betonte Dietze. „Wir brauchen ein Transformationsnetzwerk in Berlin, Brandenburg und Sachsen. Und wir brauchen dringend belastbare Zusagen von der Politik, Innovationen und Investitionen.“ Beeindruckt, zeigte sie sich davon, wie praktisch und auch konkret das Thema Transformation bei vielen Betriebsrätinnen und Betriebsräten in Ostbrandenburg bereits angegangen wird.

Heiko Nühse, Betriebsratsvorsitzender der VEO GmbH, forderte Dietze zudem auf, sich in der IG Metall dafür einzusetzen, das jetzt zusätzlicher praktischer Sachverstand durch die IG Metall in die Betriebe gebracht werden muss. „Alle reden über Transformation. Wir müssen jetzt damit anfangen, wenn wir sie gestalten wollen“, betonte Heiko Nühse in seinem leidenschaftlichem Plädoyer dafür, dass „wir nicht nur belastbare Zusagen der Politik brauchen, sondern schnellstmöglich die politischen Verantwortungsträger jetzt zum konkreten Handeln bewegen müssen." Auch Gefahren, die bisher noch gar nicht in der öffentlichen Debatte angekommen sind, wurden intensiv diskutiert.

Als bezirkliche Beispiele für Schwierigkeiten durch die Transformation schilderte Dietze die Situation bei einigen bedeutenden Unternehmen in der Region: Der Schaeffler-Standort in Ludwigsfelde wird als einziger von 13 in Deutschland geschlossen, bei ZF in Brandenburg werden Beschäftigte nur noch befristet eingestellt und bei Alstom in Hennigsdorf gefährden Managementfehler Arbeitsplätze. Bei Boryszew in Prenzlau setzen auch ökologische Herausforderungen das Unternehmen unter Zugzwang.

Tesla in Grünheide war natürlich auch ein Thema. Direkt am Bahnhof Fangschleuse habe die IG Metall mittlerweile ein Büro eingerichtet, um direkt bei Tesla vor Ort aktiv werden zu können, so Dietze. Sie bedankte sich in diesem Atemzug auch nochmal beim ersten Bevollmächtigten Holger Wachsmann, der es ermöglicht hatte, ein Büro so nahe an der Giga-Factory eröffnen zu können. „Unser Ziel ist es, diesen Laden zu erschließen“, sagte Dietze.

„Unser Ziel für das nächste Jahr sind erfolgreiche Tarifrunden in den Betrieben. Dazu kommen die die Flächenauseinandersetzung bei Holz und Kunststoff und im Stahl Ost“, so Holger Wachsmann. „Dazu wollen wir unsere Bildungsanstrengungen aufrechterhalten und optimieren. Auch wenn Corona zur Zeit alles dominiert, dürfen wir das essenzielle Thema Transformation zu einer CO2-Neutralität in der Industrie nicht aus dem Auge verlieren.“

Bitte vormerken: Die Delegiertenversammlungen 2022 sind an folgenden Samstagen geplant:

19. März 2022

18. Juni 2022

17. September 2022

10. Dezember 2022